3.4 Inklusion bedeutet Akzeptanz von Vielfalt

Bezogen auf das soziale Zusammenleben von Menschen betont die Idee der Inklusion die „Nichtteilbarkeit“ einer heterogenen Gesellschaft. Während der Integrationsbegriff im Prinzip von mindestens zwei (homogenen) Gruppen ausgeht, impliziert der Inklusionsbegriff die Verschiedenheit aller Gesellschaftsmitglieder. Und weil Verschiedenheit normal ist, macht eine Gruppendifferenzierung auch keinen Sinn. Der Inklusionsgedanke soll daher dazu beitragen, ein diskriminierendes „Wir“ und „Die“, also ein „Zwei-Gruppen-Denken“, zu überwinden.

Eine präventive Vermeidung von Ausgrenzung und Sonderbehandlung steht daher im Mittelpunkt der Betrachtungsweise. Während der Begriff Integration darauf abzielt, ausgegrenzte Personengruppen in eine Mehrheitsgesellschaft zu (re) integrieren, fokussiert der Inklusionsbegriff auf eine Vermeidung dieser Ausgrenzungsprozesse von Anfang an. Werden Ausgrenzungsprozesse von vorneherein vermieden, so die Annahme, kommen soziale Lernprozesse in Gang und die Gesellschaftsmitglieder werden sich daran gewöhnen, mit den unterschiedlichsten Personengruppen zusammen zu leben. Insofern kommt den sozialen Lernprozessen eine wichtige Bedeutung zu.

Solche Lernprozesse sind mitunter Aufgabe einer inklusiven Pädagogik, die etwa in Bildungseinrichtungen oder im Rahmen von Freizeiteinrichtungen bzw. Freizeitaktivitäten in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen könnten. So gesehen ist die Kinder- und Jugendarbeit ein Handlungsfeld, welches prädestiniert dafür ist, inklusive (Lern-)Prozesse anzustoßen und umzusetzen. Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Inklusion sollte so früh wie möglich stattfinden, d.h. je früher ein Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung entsteht, desto weniger Berührungsängste haben Menschen vor dem Thema Behinderung. Erfahrungen zeigen beispielsweise, dass vor allem Kinder und Jugendliche weniger Schwierigkeiten im Umgang mit Behinderung haben, wenn sie möglichst frühzeitig Kontakt mit behinderten Menschen haben.
  2. Freizeit bietet aufgrund der darin angelegten informellen Bildungsprozesse ein nahezu unübertroffenes Übungsfeld zur Entwicklung inklusiver Angebote. Mit Hilfe von didaktisch reflektierten und professionell moderierten Freizeitangeboten können hervorragend Kontaktsituationen zwischen Kindern/Jugendlichen mit und ohne Behinderung initiiert und gesteuert werden.

Inklusion als pädagogische Forderung umfasst dabei pädagogische Überlegungen, die unter den Begrifflichkeiten „Inklusive Pädagogik“ oder „Inklusionspädagogik“ in der Literatur auftauchen (vgl. Schaukasten 3). Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass Sie auf eine Wertschätzung von Vielfalt abzielen. Diese Betrachtungsweise ist jedoch keinesfalls ein völlig neuer Ansatz, sondern kann mit der „Pädagogik der Vielfalt“ von Prengel oder mit früheren integrationspädagogischen Theorieansätzen verglichen werden (vgl. Grüber 2010, S. 10f., Antor/Bleidick 2006, S. 99). Letztendlich zielt eine solche Pädagogik auf „kooperatives Spielen, Lernen und Arbeiten aller auf ihren unterschiedlichen individuellen Niveaus am gemeinsamen Gegenstand“ (Hinz 2008, S. 41) ab. Dieses inklusive Leitprinzip betrifft dabei je- doch nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch andere gesellschaftliche (Rand-)Gruppen (vgl. Flieger/Schönwiese 2011, S. 29).

Hintergrund dieser pädagogischen Zielvorstellungen ist die Erkenntnis, dass Inklusion erst gelingt, wenn alle Beteiligten eine Akzeptanz gegenüber jeweils andersartigen Personengruppen entwickelt haben. Inklusives Zusammenleben erfordert eine bestimmte Haltung, die mittels inklusiver Pädagogik erreicht werden soll. Dazu gehört der Abbau von Vorurteilen und Berührungsängsten, aber auch die Wertschätzung gegenüber dem Andersartigen.

Heterogenität und Vielfalt sind in diesem Verständnis keine Schranken gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern sind vielmehr als Normalität sowie als Chance, Ressource und Bereicherung für die Gesellschaft zu begreifen. Abgesehen davon ist Heterogenität und Vielfalt durchaus in den meisten modernen Gesellschaften eine Realität.

Schaukasten 3: Inklusive Pädagogik

Inklusion ist ein pädagogischer Ansatz, der zum Ziel hat, ein gesellschaftliches Umdenken im Umgang mit „Andersartigkeit“ einzuleiten

Inklusion als pädagogische Forderung wird gegenwärtig vor allem im Bereich Schule diskutiert. Im Gegensatz zu herkömmlichen Vorstellungen, wie sie in der klassischen Schulpädagogik vorherrschen, ist die inklusive Pädagogik ein Gegenmodell zum selektierenden Charakter der bisherigen schulischen Ausbildung. Im schulischen Kontext wird daher gefordert, die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Schüler/innen in den Bick zu nehmen, anstatt eine möglichst homogene Schülergruppe, etwa bestehend aus leistungsschwachen oder leistungsstarken Schüler/innen, herzustellen. Die Akzeptanz des Andersseins wird dabei als leitendes Prinzip gesehen. Insgesamt wird auf eine „Didaktik der Vielfalt“ gesetzt, um so der Verschiedenheit Einzelner besser gerecht werden zu können. Inklusionspädagogik ist in diesem Verständnis ein pädagogischer Ansatz, 

„der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürfnisse zugesichert sehen will. Für den Bildungsbereich bedeutet dies einen uneingeschränkten Zugang und die unbedingte Zugehörigkeit zu allgemeinen Kindergärten und Schulen des sozialen Umfeldes, die vor der Aufgabe stehen, den individuellen Bedürfnissen aller zu entsprechen - und damit wird dem Verständnis der Inklusion entsprechend jeder Mensch als selbstverständliches Mitglied der Gemeinschaft anerkannt.“ (Hinz 2006, S. 98)