Bildung

Das derzeit dominierende Alltagsverständnis von Bildung meint in erster Linie schulisches Lernen und somit den Erwerb von kognitiven Kompetenzen und die Anhäufung von Wissen. In der Erziehungswissenschaft bzw. Sozialen Arbeit wird Bildung allerdings weiter gefasst: Es geht um eine ganzheitliche Bildung, die sich nicht nur auf die geistigen Fähigkeiten und den formalen Wissenserwerb von Menschen stützt, sondern sich auf alle Lebenskompetenzen bezieht.

Im Mittelpunkt steht eine umfassende Persönlichkeitsbildung, welche soziale, emotionale, kognitive, handwerkliche, technische, ästhetische und lebenspraktische Fähigkeiten und Kenntnisse umfasst. Beispielsweise gehört dazu auch, für sich und seine Umwelt Verantwortung zu übernehmen, zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten sowie kritikfähig zu sein. Ziel aller Bildungsprozesse sollte laut Klafki die Emanzipation des Menschen in dreierlei Hinsicht sein: Die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität (vgl. Theunissen 2009, S. 244).

Bildungsprozesse finden in allen Lebensbereichen statt. Im Alltag ergeben sich diese zufällig und ungeplant. Solche informellen Bildungsprozesse laufen in alltäglichen Situationen oft unbemerkt neben weiteren zu bewältigenden Aufgaben ab. Von dieser informellen Bildung lassen sich Räume und Institutionen unterscheiden, in denen Bildungsprozesse geplant und pädagogisch initiiert werden. Dazu gehört in erster Linie die Schule, in welcher in einem formalen, verpflichtenden Rahmen curricular vorgegebene Inhalte vermittelt werden. Zuletzt wird von dieser formalen Bildung ferner die non-formale Bildung unterschieden, welche zwar ebenfalls im Rahmen eines pädagogischen Settings geplant und initiiert wird, jedoch in einem freiwilligen und thematisch offenen Rahmen abläuft. In diesen Kontext lässt sich die Soziale Arbeit einordnen, denn sie gilt als „Spezialist für offene, ganzheitliche und individualisierende Zugänge neben den anderen Zugängen innerhalb des Bildungswesens“ (Thiersch 2011, S. 170). Insbesondere die Kinder- und Jugendarbeit als Aufgabenbereich  der Sozialen Arbeit bietet durch ihre Prinzipien der Offenheit, Freiwilligkeit und Partizipation vielfältige non-formale sowie informelle Bildungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche.

Insgesamt wird Bildung als ein Prozess verstanden, bei welchem der Mensch seine Kräfte und Fähigkeiten durch die Auseinandersetzung mit seiner Umwelt entfaltet. Dahinter steht die Grundannahme, dass jeder Mensch das Potential hat, sich zu entwickeln und zu entfalten. Kurz: sich zu bilden und gebildet zu werden. Alle Menschen sind lernfähig bzw. bildsam, „unabhängig von ihrer Herkunft, ihren Anlagen, aber auch ungeachtet ihrer durch günstige oder ungünstige Faktoren beeinflussten Entwicklungsmöglichkeiten“ (Antor/Bleidick 2006, S. 22). Deshalb müssen jedem Menschen förderliche Bedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten für erfolgreiche Bildungsprozesse zur Verfügung gestellt werden.

Das Recht auf Bildung ist seit 1948 in der ‚Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte‘ der Vereinigten Nationen verankert und damit allgemeines Menschenrecht. „Folglich darf kein Personenkreis von diesem Anspruch ausgeschlossen werden – und zwar unabhängig von der Schwere oder Art der Behinderung“ (Theunissen 2009, S. 245). Außerdem hat sich Deutschland durch die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 u.a. dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem einzuführen.

Quellen: 
Antor, Georg/Bleidick, Ulrich (2006): Bildung, Bildungsrecht. In: Antor, Georg/Bleidick, Ulrich (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, S. 18-26.
Theunissen, Georg (2009): Empowerment und Inklusion behinderter Menschen. Eine Einführung in Heilpädagogik und Soziale Arbeit. 2., aktualisierte Auflage. Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag.
Thiersch, Hans (2011): Bildung. In: Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. München: Reinhardt Verlag, S. 162-173.