Behinderung

Behinderung wird nicht nur als eine relativ schwere, lang andauernde körperliche, seelische und geistige Beeinträchtigung betrachtet. Eine Person gilt ebenso als behindert, wenn sie aufgrund eines gesundheitlichen Problems oder einer Krankheit das eigene Leben nicht alleine gestalten kann und/oder ihr die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert ist. Zur Behebung, Milderung bzw. Verhütung von Verschlimmerung benötigt die Person Hilfe von Außenstehenden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von einem bio-psycho-sozialen Modell von Behinderung aus, das seit 2001 der ‚Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit‘ (ICF) zu Grunde liegt. Dieses zielt insbesondere auf die Inklusion; also auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung an verschiedenen Lebensbereichen ab. In dieser Klassifikation wird weder die Defizitorientierung dieser Personengruppe in den Mittelpunkt gestellt, noch den Begriff Behinderung als solcher verwendet. Stattdessen wird der Begriff mit der Definition Funktionsfähigkeit umschrieben. Demnach ist ein Mensch behindert bzw. in seiner Funktionsfähigkeit beeinträchtigt, wenn er aufgrund eines gesundheitlichen Problems oder einer Krankheit die für ihn wichtigen Lebensbereiche nicht mehr so gestalten kann, wie es für sie ohne diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen erwartet wird.

In der ICF-Definition wird der Fokus der aktuellen Fachdiskussion deutlich: Behinderung wird nicht mehr nur aus medizinischer Sicht als persönliche Beeinträchtigung bzw. psychische oder physische Störung betrachtet. Darüber hinaus handelt es sich um komplexe Wechselwirkungen zwischen körperlichen/medizinischen, personalen/subjektiven (wie Einstellung, Haltung, Auseinandersetzung mit der Umwelt) und sozialen/gesellschaftlichen Faktoren.

Eine ähnliche Begriffsdefinition findet man innerhalb der Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRDP). Diese Definition beschreibt jedoch zusätzlich, dass Menschen nicht behindert sind, sondern behindert werden. Hierbei wird eine Wechselwirkung zwischen Menschen mit Behinderung und der sozialen Umwelt hergestellt. So heißt es in Artikel 1 der UN–Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (United Nations, 2006): „Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.“

Ableitend von diesen Definitionen wird Behinderung vom Begriff der Schädigung also unterschieden. Genauer gesagt lässt sich der Begriff Behinderung als eine Folgeerscheinung einer Schädigung der körperlichen, geistigen oder seelischen Funktionen fassen, die dann vorliegt, wenn die Gestaltung und Bewältigung des Lebens und/oder die Teilnahme am gesellschaftlichen und sozialen Leben erschwert ist. Ziel der Rehabilitation und heilpädagogischer Unterstützung ist somit nicht in erster Linie die körperliche Funktionsfähigkeit zu verbessern, sondern mehr die Partizipation am sozialen Leben zu unterstützen.

Innerhalb der deutschen Gesetzeslandschaft liegen bei der Feststellung von Behinderung vorrangig medizinisch diagnostizierbare Beeinträchtigungen vor.  Grund hierfür ist, dass in leistungsrechtlichen Zusammenhängen eindeutige Kriterien gewonnen werden müssen, die einerseits die Zuteilung von Ressourcen legitimiert andererseits die Lebenslage Behinderung von anderen Lebenslagen abgrenzt. Innerhalb des Neunten Sozialgesetzbuches (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen)  §2 Abs. 1 und dem Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen §3 wird eine Behinderung folgendermaßen definiert: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.“ (§2 Abs.1 SGB IX)

Bei den Arten der Behinderung wird sowohl in körperliche, geistige, seelische als auch teilweise in soziale Behinderung unterschieden. Während der Begriff „körperliche Behinderung“ eine Reihe schwer wiegender, meist lebenslanger Beeinträchtigungen umfasst, die den Menschen vor allem in seiner Bewegungsfähigkeit infolge einer angeborenen oder erworbenen Schädigung einschränkt, ist die „geistige Behinderung“ ein Zustand von verzögerter oder unvollständiger Entwicklung der geistigen Fähigkeiten. Diese manifestieren sich hauptsächlich in der Entwicklungsperiode und tragen zum Intelligenzniveau bei. Meistens sind deren Auswirkungen in Kognition, Sprache aber auch motorischen und sozialen Fähigkeiten zu erkennen. Als seelische Behinderung wird ein langfristiger oder andauernder Folgezustand einer psychischen Erkrankung bezeichnet, der die Ausübung sozialer Funktionen und Rollen beeinträchtigt. Diese Behinderungszustände können anlagebedingt oder frühkindlich erworben sein, aber auch im Kindes- und Jugendalter erstmalig auftreten. Neben diesen Arten von Behinderung wird zusehends  häufiger auch die bisher nicht anerkannte „Soziale Behinderung“ diskutiert. So gehen viele PädagogInnen davon aus, dass es sich dabei um die weitaus größte Behinderung handelt. Dabei haben die betroffenen Menschen vor allem Erschwernisse in sozialen Beziehungen mit Familie, Bekannten- und Freundeskreis und in der Öffentlichkeit. Die Ursachen sind vielfältig und reichen vom Verlust des Arbeitsplatzes über Obdachlosigkeit, Scheidung und Trennung bis hin zur Diagnose einer bösartigen Erkrankung.

Nach Angaben der Vereinten Nationen leben weltweit ca. 650 Millionen Menschen mit einer Behinderung, was sie zur größten Minderheitsgruppe auf der Erde macht. Innerhalb der Bundesrepublik Deutschland leben nach dem statistischen Bundesamt 8,7 Millionen Menschen mit einer anerkannten Behinderung. 7,1 Millionen gelten davon als schwer-behindert. Die meisten dieser Behinderungen entstehen im Erwachsenenalter zwischen 55 und 75 Jahre. Der Anteil der unter 18 jährigen Menschen mit Behinderungen fällt mit zwei Prozent eher gering aus.

Quellen: 
Biermann, Adrienne/Goetze, Herbert (2005): Sonderpädagogik. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.
Cloerkes, Günther (2007). Eine Einführung. 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.
Deutsches Institut für Menschenrechte (2008): Behindertenrechtskonvention. Online im Internet: http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/PDF-Dateien/Pakte_Konventionen/CRPD_behindertenrechtskonvention/crpd_b_de.pdf. Zugriff: 2013-10-15.
Fürstler, Gerhard/Hausmann, Clemens (2000): Psychologie und Sozialwissenschaft für Pflegeberufe, Klinische Psychologie, Behinderung, Soziologie. Band 2.. Wien: Facultas Verlag.
Haeberlin, Urs (2005): Grundlagen der Heilpädagogik. Bern: Paul Haupt Verlag.
Lenk, Erich (2007): Behinderte Menschen. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit. 6. völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Baden-Baden: Nomos Verlag, S. 100f.
Metzler, Heidrun (2011): Behinderung. In: Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. München/Basel: Reinhardt Verlag, S. 101-108.